|
G. Rag & Die Landlergschwister - Sweet Home Bavaria
Mit den Hermanos Patchekos spielen sie einen eigentümlichen Caribbean-Trash-Americana-Mix, mit den Landlergschwistern haben G. Rag und Alois Schmelz nun ein neues Projekt am Start. Der Name klingt nach Bayern-Folklore - die Musik auch. Wer gern mal Besucher überrascht und Freude an zweifelnden Blicken hat, sollte mal unkommentiert die Debüt-CD von G. Rag & Die Landlergschwister auflegen. Wenn im Opener "Amalie" die Trompeten und Klarinetten unverkennbar bayrisch zur Akkordeon- und Tubabegleitung loslegen, sind ungläubige Reaktionen auf der Stelle garantiert. Gleich danach dürfte das Lauern auf die ironische Brechung einsetzen, die die Verunsicherung in Erleichterung auflösen würde. Mal im Ernst: Das kann doch nur ein Witz sein! So was hört unsereins doch nicht! Doch mit dem Ausbleiben des großen Brüllers wird mehr und mehr klar, daß hier weder mit dem feingeistigen Florett gefochten noch die große Verarschungs-Keule geschwungen wird. Nein: Denen gefällt wirklich, was sie da spielen.
"Das ist keine Persiflage", bestätigt Andreas Staebler, einer der kreativen Köpfe hinter den Gschwistern und gleichzeitig vielbeschäftigter Musiker beim Münchener Gutfeeling-Label und -Plattenladen. "Wir haben Spaß, diese Musik zu spielen, einfach weil wir sie mögen. Das heißt aber nicht, daß wir es bierernst angehen würden." Die Landlergschwister bestehen zu drei Vierteln aus der Besetzung der Hermanos Patchekos, mit denen Sänger und Gitarrist Staebler alias G. Rag schon seit Jahren Karibisches mit Country, Swing und Bayrischem zu einer schmackhaften Sauce vermischt. Bis schließlich das leidige, aber bei elektrisch verstärkter Musik unvermeidliche Schleppen von Verstärkern und Boxen vor etwa drei Jahren zu den nächsten zwei Ideen führte: eine Besetzung, die ohne Anlage spielen kann und es außerdem möglich macht, einer alten Liebe nachzugehen. "Wir orientieren uns an den Alpenblaskapellen der 20er und 30er Jahre. So etwas höre ich schon viel länger, als es die Landlergschwister gibt. Die rumpeln einfach super, diese alten Kapellen. Genauso wollen auch wir keine perfekte Blaskapelle sein. Im Studio ist das ein großer Spaß. Wir sitzen alle im Kreis, das Band läuft und ab gehts!"
Das Repertoire besteht hauptsächlich aus alten Volkstanzmelodien wie Landler, Polka und Zwiefacher, macht aber auch vor Trauermärschen nicht halt. Oft sind es handschriftlich festgehaltene Stücke aus Archiven, die Trompeter Alois "Die Sau" Schmelz zu den Proben mitbringt. Daß es dennoch nicht gerade puristisch zugeht, glaubt man beim Anhören der CD sofort. Das fängt bei der Besetzung mit Banjo und Akkordeon an, die nicht bzw. nur mit viel gutem Willen den Blasinstrumenten zugeordnet werden können, und endet bisweilen musikalisch doch wieder in Texas (das nur mit ebenso viel gutem Willen Bayern zugeordnet werden kann). "Wenn stilistisch anderes dazukommt, ist das eher Zufall und entspringt unserer anarchischen Herangehensweise", beendet Staebler die müßige Suche nach dem geheimen Masterplan der Landlergschwister. Es ergebe sich einfach so, meint er, wenn man eine bunte Truppe beisammen hat: "Blaskapellen gibt es weltweit. Da fängt man in Bayern an, und plötzlich ist man in Mexiko oder New Orleans." "Rambling Man" und "I'll Never Get Out of This World Alive", die beiden Gesangsstücke der CD, stammen von Hank Williams und werden von Andreas Staebler durchs Megaphon gesungen, und aufs Wunderlichste wachsen so Dinge zusammen, von denen man zuvor nicht mal ahnte, daß sie zusammengehören könnten. "Jambalaya hat schließlich fast jede Blaskapelle im Programm", stellt Staebler fest, "die meisten wissen nur nicht, daß es ein Hank-Williams-Stück ist."
Man sieht: So weit ist das alles gar nicht voneinander entfernt, und die Landlergschwister sind, bei verändertem Verhältnis der Zutaten, die andere Seite der Hermanos Patchekos. Ist bei Letzteren die Americana das Zentrum des Geschehens, steht bei den Gschwistern die bayrische Volksmusik im Mittelpunkt, gespielt auf eine frische Weise, einfach, schräg und roh, wie es vielen Arten von echter Volkskunst von jeher eigen ist. "Wir sind bestimmt keine Bewahrer alter Werte", sagt Staebler. "Es kann passieren, daß wir eine Polka so schnell spielen, daß keiner mehr darauf tanzen kann. Es hat aber noch nie jemand gemeckert. Auch bei gemeinsamen Auftritten mit traditionellen Blaskapellen ist die Resonanz gut." Im Publikum der Gschwister mischen sich Szenegänger, Musiker und Studenten mit älteren Herrschaften. Es ist ein aufgeschloßenes Publikum, das weiß, was es an den Landlergschwistern hat: eine etwas andere Blaskapelle, die den natürlichen Lebensraum ihrer Gattung dennoch nicht sprengt. "Wir spielen in Wirtshäusern oder auf Hochzeiten, die klassischen Blaskapellenevents halt. Fünf Lieder - Pause - und wieder fünf Lieder. Natürlich kann man so was nicht in Clubs spielen. Anderthalb Stunden Landler - da dreht ja jeder durch."
Ob das Ganze nun eine subversive Form der Unterwanderung ist, die Zurückeroberung eigener Traditionen, die man nicht kampflos Florian Silbereisen und der CSU überlassen will, ist dem Staebler Andi keine Frage. Er ist kein Mann der Manifeste oder Pamphlete, der die Volksmusik auf dem langen Marsch durch die Festzelte von innen heraus verändern will. Dazu ist er viel zu sehr Musiker und Praktiker, für den die Liebe zur Musik und der Spaß daran im Mittelpunkt stehen. Dennoch kann man die Musik der Landlergschwister ohne viel Übertreibung als kulturpolitisches Statement auffaßen. Auf der Gutfeeling-Homepage ist treffend zusammengefaßt, was man getrost so stehen lassen kann: "Eine Watschn für all diejenigen Verbrecher, die diese Musik wie eine todgeweihte Sau durch die Dörfer einer virtuellen Fernseh-Voralpen-Idylle treiben."
Guido Diesing Jazzthetik
|