Hummmel

Grad konnte ich noch das schlimmste verhindern, gottseidank. Grad noch konnte ich mir die neuen Hummmel-Platte NICHT anhören. Um ein Haar wäre es passiert. So bleibt die Chance auf eine Welturaufführung: Die ersten liner notes, deren Autor die Musik nicht gehört hat, über die er schreibt. Ich hab mal über ein Konzert von Eberhard Schoener geschrieben, wo ich nicht war – die Kritik in der SZ erschien sogar vor dem Konzert und der Maestro soll schreiend durch die Gänge des Cirkus Krone gerannt sein und hat mich seither –  aber egal.
Also liner notes: Dieses Red Can-/gutfeeling Produkt, das ihr in Händen haltet, ist sicher großartig. Hummmel waren zu keiner Sekunde, die ich sie kenne, nicht großartig. Sie waren großartig in Kellerlöchern, in Wohnzimmerfenstern, im Studio 12 des BR und im Ampere oder 59 to 1, zwei Clubs in München, wo viele Bands schon NICHT großartig waren.
Hummmel sind großartig, weil sie mehr wollen, daher auch die drei M im Namen. Hummmel haben noch nicht fertig. Sie bringen etwas zu Ende, das 1983 liegengelassen worden ist wie ein abgebrochener Großroman, nämlich New Wave, neue Welle, Postpunk (europäisch); Hummmel nehmen den Faden wieder auf, spannen ihn auf ihren Bass, der eine Blechkiste ist und dengeln los, als gelte es das Leben.
Wenn die beiden Hummmeln zehn Jahre jünger wären oder zwanzig und in Berlin daheim, also hingezogen, dann wären sie der heiße Scheiß der Saison. Blöd für die Saison. Denn so bleiben sie uns noch länger erhalten. Masked and Anonymous. Alles Gute zum 70. Geburtstag, Hummmel. So, jetzt ist hier Schluss, jetzt darf ich mir das Album endlich anhören…

Karl Bruckmaier (BR2 Nachtmix) 

6. Oktober 2011